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Wilhelm Droste
 
DAS WASSER UND DIE KUNST DER VERWANDLUNG
 
ART EXPRESS auf seiner Station im Lukács Bad / Budapest
 
 
Wir stehen an einem guten Ort. Wenige Meter von hier fließt die gewaltige Donau. Das Wasser des Lukács-Bades ist eines der heilsamsten in Ungarn, einem Land, das überreichlich mit Heilwasser gesegnet ist. Nach Gas und Öl wird in Ungarn häufig vergeblich gebohrt, doch überall sprudelt heißes Wasser aus den Bohrröhren. Andere Länder würden Heilbäder und ganze Städte um diese Quellen herum bauen, in Ungarn werden sie frustriert zugestopft, weil es zu viele davon gibt. Kein Gas, kein Öl, immer nur heißes Wasser!
 
Das wunderwirksame Wasser des Lukács-Bades heilt seit Jahrhunderten. Marmortäfelchen glücklicher Kurgäste hier an der Wand zeugen in vielen Sprachen davon. In diesem Wasser wurden viele Wunden gelindert, Krankheiten geheilt, Krämpfe gelöst.
 
Doch Wasser muss nicht unbedingt Heilwasser sein, um zu heilen. Wasser heilt immer. Alle klugen Städte verbünden sich mit dem Wasser. Budapest ist vorbildlich in dieser Kunst, die Stadt schmiegt sich von beiden Seiten vertrauensvoll und verliebt an das Wasser der Donau. Wien ist da ungleich vorsichtiger und prüder, es lässt sich nur am Rande von der Donau berühren und kanalisiert seine Zuneigung.
 
Meine Schule stand an der Ruhr, von der sich Arnsberg umschlingen lässt. Sie ist hier im Sauerland noch nicht mehr als ein größerer Bach, um später dann dem gewaltigsten Indusriegebiet Deutschlands ihren Namen zu geben. Studiert habe ich an der Lahn in Marburg, dem Fluss ewig neuer Romantik, später dann in Hamburg gelebt. Die hafengroße Elbe hat mir manche Schwermut leichter werden lassen, erträglicher, lebbar. Es gibt wenig deutsches Heimweh in mir, das Elbufer in Hamburg ist ein Teil davon. Die großen, meerestauglichen Schiffe können große Lasten tragen.
 
Seit zwanzig Jahren hilft und heilt jetzt die Donau. Ungarn ist ein Land ohne Meer, und es handelt richtig darin, sich ein Meer zu erlügen, den Balaton, das Ungarische Meer. Als Europa vor 1989 noch zerrissen war und ganz besonders die Deutschen, da war dieses falsche Meer gerade für uns Deutsche unendlich heilsam, war es doch der Ort, wo sich Menschen aus Ost und West nahezu unverkrampft bewegen und treffen konnten. Was die Elbe trennte, das floss im Balaton zusammen und spielte miteinander.
 
Wasser hebt alle Grenzen auf und lässt zusammenfließen. Es ist ein Beweis der Beschränktheit menschlicher Kultur und Zivilisation, dass sie immer wieder ausgerechnet Flüsse und Gewässer zu Grenzen erklärt haben. Hier wird ein verbindendes Element ganz gegen seinen Geist für Trennung und Spaltung missbraucht. Wie das Wetter mit Regen und Schnee alle politischen Grenzen ignoriert und stürmisch wegfegt, so duldet auch das Wasser keine menschlich willkürliche Spaltung. Ostsee und Elbe als Todesstreifen, dieses Trauerspiel gehört zu den bittersten Symbolen des kalten Krieges und menschlicher Unfähigkeit.
 
Gerade das Wasser ist eine immerwährende Lektion, wenn Menschen um ihre Identität kämpfen. Wenn Flüsse ineinander fließen, dann werden sie zu einem gewaltigen Strom, Wasser kennt keine Scheu vor der Verbindung. Die Theiss stürzt sich blind und selbstverständlich in die Donau, sie kennt keine Angst vor dem Verschwinden, sie braucht sich nicht assimilieren, Toleranz und Anpassungsfähigkeit werden nicht zum Problem, das Wasser praktiziert die Vielfalt der Einheit. Theiss und Donau wissen nicht von ihren Namen, sie vereinigen sich sprachlos und stömend. Sprache trennt nur, was zusammenfließt und sich untrennbar verbündet. Die Identität des Wassers ist immer eindeutig in ihrer dauernden Verwandlung. Vom Wasser ließe sich lernen, die eigene Identität als etwas Fließendes zu betrachten und den Schwung dieses Flusses zu genießen, statt sich immer panisch fremd unter bedrohlich Fremdem zu fühlen und zu fürchten. Die Sprachen der Kunst können hilfreich sein bei dieser Verflüssigung der Identität.
 
So ist es mehr als ein Spektakel und Irritation, die Bilder in die Bäder zu bringen. Die Kunst tut gut daran, ins Wasser zu gehen zu den Badenden. Schwimmen befreit die Körper und Seelen. Und wenn diese sich jetzt herumdrehen in eine entspannte Rückenlage, so sehen sie im Lukács Bad mehr als den Himmel, sie schauen in schwebende Zelte hinein, die voller Bilder sind. Bilder von Malern, die selbst lange Wege hinter sich haben. Sie arbeiten nicht am Ort ihrer Herkunft, sondern sie gingen biographisch den Weg des Wassers, Nationen und Länder wechselnd.
 
Nicht nur den ungarischen Wassern bin ich dankbar, ganz besonders auch zwei kleinen ungarischen Gedichten, die vom Zauber des Wassers handeln.
Das eine stammt von Sándor Weöres und steht für die herzerfrischende Bedenkenlosigkeit und das blinde Vertrauen des Wassers:
 
A célról
 
Mit bánom én, hogy érdemes,
vagy céltalan a dolgom?
Patak vagyok: kérdjem-e, hogy
habomat hova hordom?
 
Harcolok: nem tudom kiért
és nem tudom, ki ellen.
Nem kell ismernem célomat,
mert célom ismer engem.
 
Das Ziel
 
Ob es sich lohnt, ob ohne Ziel,
was schert mich diese Frage.
Bach bin ich, was kümmert mich,
wohin den Schaum ich trage.
 
Ich kämpfe und weiß nicht für wen
Und weiß auch nicht wogegen,
mein Ziel zu kennen brauch ich nicht,
es führt mich sich entgegen.
 
 
 
Das andere stammt von Endre Ady und träumt von einer glücklichen Globalisierung, die universal verbindet. Ér heißt das kleine Gewässer, an dem Ady geboren wurde:
 
Ar Értől az Oceánig
 
Az Ér nagy, álmos, furcsa árok,
Pocsolyás víz, sás, káka lakják.
De Kraszna, Szamos, Tisza, Duna
Oceánig hordják a habját.
 
S ha rám dől a szittya magasság,
Ha száz átok fogja a vérem,
Ha gátat túr föl ezer vakond,
Az Oceánt mégis elérem.
 
Akarom, mert ez bús merészség,
Akarom, mert világ csodája:
Valaki az Értől indul el
S befut a szent, nagy Oceánba.
 
 
 
Vom Ér zum Ozean
 
Der Ér, ein seltsam müder Graben
Voll Sandschlamm, Gräsern, Löwenzahn,
Doch Kraszna, Szamos, Theiß und Donau
Schleppen auch ihn zum Ozean.
 
Bricht skythische Last auch auf mich ein,
Mag Fluch mich hundertfach ergreifen,
Und Nagetier den Deich durchwühlen,
Ich werd den Ozean erreichen.
 
Ich will, mich treibt mein dunkler Mut,
Zum Wunder, welches stolz verkündet,
Daß einer, der am Ér beginnt,
Im Ozean dann endlich mündet.
 
 
 
Eine solche Mündung wünsche ich uns allen. Und Spaß im Wasser bei den Bildern.
 
 
(Übersetzungen der Gedichte von Wilhelm Droste)